Fotografie, Raum und Verwirrung im Kunstmuseum Luzern
Im Kunstmuseum Luzern ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die Besucherinnen und Besucher in mehrfacher Hinsicht fordert. Die international bekannte Fotografin Shirana Shahbazi zeigt eine Serie von grossformatigen Arbeiten, bei denen fotografische Bilder übereinandergelegt werden und so die Verbindung zwischen Bild und Realität infrage stellen. Begleitend werden Arbeiten der Künstlerin Li Tavor gezeigt, deren Latexhäute die klaren Architekturachsen des Museums räumlich neu strukturieren.
Schwerelosigkeit als Gestaltungsmittel
Shahbazis neue Werkserie «Falling» besteht aus grossen Lithografien, auf denen Menschen zu sehen sind, die im Wasser schwimmen oder hineinspringen. Die Fotografin hat die Aufnahmen im Wasser gemacht und kombiniert einzelne Figuren so, dass sie zu schwebenden, schwerelosen Formen verschmelzen. Das Resultat wirkt wie ein visuelles Spiegelkabinett: Besucherinnen und Besucher können sich darin verlieren, weil vertraute Größen wie Gravitation und Körperlichkeit in Frage gestellt werden.
- Shirana Shahbazi: Grossformatige Lithografien aus der Serie «Falling», fotografiert im Wasser, thematisieren Schwerkraft und Wahrnehmung.
- Li Tavor: Hängende Latexhäute unterbrechen die weissen Ausstellungsräume und verändern die räumliche Wahrnehmung.
- Die Kombination beider Positionen führt zu neuen Einsichten über Bildproduktion und räumliche Erfahrung.
Bildproduktion trifft auf räumliche Intervention
Die Latexhäute von Li Tavor wirken in den hohen «white cubes» des Museums massig; dennoch reagieren sie sensibel auf Bewegung, wenn man an ihnen vorbeigeht. Eine der Häute ist schmutzig-weiss und mit einem Bandana-Motiv versehen. Dieses Halstuch-Motiv verweist auf den sogenannten «Hanky Code», einen historischen Code innerhalb der queeren Szene: Ein weisses Bandana stand demnach früher als Signal für Masturbation. Die Ausstellung relativiert solche historischen Codes, indem sie die Signale in ein anderes, grösseres Format überführt und damit aus simplen Schubladen löst.
| Werk/Element | Künstlerin | Wirkung |
|---|---|---|
| Grossformatige Lithografien («Falling») | Shirana Shahbazi | Schwerelosigkeit, Überlagerung von Figuren, Infragestellung fotografischer Realität |
| Latexhäute (hängend) | Li Tavor | Raumstrukturierung, körperliche Präsenz, Verweis auf queere Codes |
Shahbazi ist eine der bekanntesten Künstlerinnen der Schweiz; ihre Arbeit thematisiert seit rund 25 Jahren Grundfragen der Fotografie: Was zeigt ein Bild, und wie steht es zur Realität? Die präsentierten Arbeiten fügen sich in eine Werkpraxis, die mit Überlagerungen, Verfremdungen und einer permanenten Hinterfragung optischer Gewissheiten arbeitet. Parallelen dazu finden sich auch in einem städtischen Projekt in Zürich: Für das Grossmünster hat Shahbazi eine Riesenarbeit an der Gerüstverkleidung realisiert, die ebenfalls das Motiv des Schwebens aufgreift.
Was bedeutet das für Luzernerinnen und Luzerner?
Die Ausstellung ist für die lokale Öffentlichkeit mehr als ein kulturelles Ereignis: Sie verändert die gewohnten Museumssäle des Kunstmuseums Luzern und fordert Besucherinnen und Besucher dazu auf, ihre Sehgewohnheiten zu hinterfragen. Wer sich für aktuelle Positionen in der Fotografie und räumliche Installationen interessiert, findet hier eine ungewöhnliche Kombination, die Diskussionen über Bildproduktion, Körperlichkeit und historische Codes anstösst.
Die präsentierten Werke sind visuell zugänglich, wirken aber bewusst irritierend – eine Qualität, die sowohl kunsthistorisch relevant ist als auch die sinnliche Erfahrung der Ausstellungbesucherinnen und -besucher im Alltag beeinflussen kann.