Ein neuer Stellenwert für Kultur
Mit der Verabschiedung der Resolution Nr. 80-NQ/TW hat das Politbüro Vietnams eine grundsätzliche Weichenstellung beschlossen: Kultur soll nicht länger als Beiwerk der Entwicklung verstanden werden, sondern als eine ihrer tragenden Säulen. Diese intellektuelle und politische Neupositionierung stand im Mittelpunkt eines aktuellen Interviews mit Dr. Dao Quyen Truong, Beraterin an der vietnamesischen Botschaft im Vereinigten Königreich und in Nordirland.
Die drei Leitbegriffe der Kulturdiplomatie
Dr. Truong fasst die Intention der Resolution in drei Schlüsselbegriffen zusammen, die zugleich Handlungsprogramm und Selbstverständnis markieren. Sie betont, dass Kultur nunmehr als endogene Ressource, als Instrument nationaler Soft Power und als normierendes Wertesystem gilt, das den Prozess der Entwicklung formen soll.
- Positionierung: Kultur dient als Visitenkarte für Identität, Geschichte und nationalen Charakter.
- Transformation: Kultur soll ökonomisch nutzbar gemacht werden – etwa durch Kulturwirtschaft, Kulturtourismus und nationales Branding.
- Verbreitung: Kulturdiplomatie bedeutet, Werte in Dialog zu bringen und internationale Verständigung zu fördern.
Menschen im Zentrum
Ein zentrales Moment der Resolution ist laut Dr. Truong die Betonung der Bevölkerung als Akteur: Die Menschen seien «Schöpfer, Nutznießer und Träger» der Kultur. Damit wird Kulturpolitik nicht allein als staatliche Aufgabe verstanden, sondern als Prozess, in dem Gesellschaft und Staat wechselseitig Verantwortung tragen. Diese Perspektive verlagert die Diskussion von rein instrumentellen Nutzenaspekten hin zu Fragen von Identitätspflege und sozialem Zusammenhalt.
Kulturdiplomatie als Dialog
Die Beraterin unterstreicht, dass Kulturdiplomatie über Imagepflege hinausgehen müsse: Es gehe darum, vietnamesische Werte in globale Diskurse einzubringen und zu überzeugen. In einer Welt zunehmender Konkurrenz um Einfluss und Werte kann ein solches Vorgehen die Wahrnehmung Vietnams als Nation mit tiefen historischen Wurzeln und humanistischem Anspruch stärken.
„Die Resolution spricht nicht nur von kultureller Entwicklung, sondern auch von der Gestaltung des Charakters, des Geistes und der Bestrebungen Vietnams im neuen Zeitalter.“
Folgen und Fragestellungen
Die programmatische Aufwertung der Kultur wirft mehrere Fragen auf: Wie lassen sich kulturelle Güter und Identitäten wirtschaftlich nutzbar machen, ohne sie zu vereinheitlichen? Welche Rolle spielen lokale Gemeinschaften bei der Umsetzung? Und wie gelingt der Balanceakt zwischen nationaler Selbstbehauptung und offenem, globalem Austausch?
| Aspekt | Fokus der Resolution |
|---|---|
| Positionierung | Selbstverständnis und internationales Profil |
| Transformation | Wertschöpfung durch Kulturwirtschaft und Tourismus |
| Verbreitung | Kulturdialog und globale Kooperation |
Die Worte von Dr. Dao Quyen Truong, die in Newhaven (Sussex) fotografiert wurde, geben einen Einblick in die diplomatischen Bemühungen Vietnams, Kulturpolitik als integralen Teil der staatlichen Entwicklungsstrategie zu etablieren. Ob und wie diese Ambitionen in konkreten Programmen und grenzüberschreitenden Kooperationen Gestalt annehmen, wird in den kommenden Jahren die internationale Beobachtung verdienen.