Von der Familie in die Gemeinschaft: Vermittlung als Schlüssel
In der zentralvietnamesischen Provinz Dak Lak steht eine grundlegende Frage der Kulturpflege zur Debatte: Wie gelingt es, immaterielles Kulturerbe jenseits familiärer Weitergabe lebendig zu halten? Das Beispiel des Gongspiels, wie es der Kunsthandwerker Y Roh Niê in der Gemeinde Cư Pơng lehrt, macht die Problematik deutlich. Seine beiden Söhne beherrschen das Ding-Nam-Instrument und singen Volkslieder — doch der Lehrende befürchtet, dass Kultur nicht allein auf den Schultern einzelner Familien ruhen darf.
Die Herausforderung ist zweifach: Junge Menschen navigieren in einer digitalen Alltagswelt mit vielen neuen Reizen, und traditionelle Vermittlung erfolgt oft rein mündlich, aus Gewohnheit und ohne pädagogische Methoden. Als Reaktion darauf hat das Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus im Mai 2026 einen Kurs angeboten, der Kunsthandwerker und lokale Kulturschaffende in didaktischen Fähigkeiten und der Organisation von Vermittlungsaktivitäten schult.
Neue Lehrformen statt reiner Bewahrung
Der Wandel im Blickwinkel ist evident: Weg von der ausschliesslichen Bewahrung, hin zur Stärkung der Vermittlungskompetenzen an der Basis. Ziel ist nicht, Tradition zu verformen, sondern sie so zu präsentieren, dass sie für junge Lernende verständlich und attraktiv bleibt. Der Kurs vermittelt unter anderem:
- pädagogische Grundkompetenzen;
- Methoden zur Organisation von Aktivitäten;
- visuelle Lektionen und erzählerische Formen, eng verknüpft mit der Geschichte des Kulturerbes.
Nach der Weiterbildung veränderte Y Roh Niê seinen Unterricht: Sein zuvor eher trockener Stil wurde lebendiger, die Atmosphäre interaktiver. Damit gelang es ihm, die Aufnahmebereitschaft der Kinder zu erhöhen und Wissen aktiver zu vermitteln. Solche Veränderungen zeigen, dass didaktische Kompetenz genauso wichtig ist wie das handwerkliche Können selbst.
Konsequenzen für Kulturpolitik und Gemeinde
Die Initiative in Dak Lak wirft allgemeine Fragen auf: Welche Rolle sollen staatliche Institutionen bei der Weitergabe von immateriellem Kulturerbe spielen? Und wie lassen sich traditionelle Praktiken so vermitteln, dass sie jüngere Generationen erreichen, ohne ihre Authentizität zu verlieren? Das Projekt des Kulturministeriums ist ein Beispiel dafür, wie staatliche Weiterbildung lokale Akteure stärken kann, indem sie ihnen Werkzeuge an die Hand gibt, die über das rein Handwerkliche hinausgehen.
| Vorher | Nachher (nach Kurs) |
|---|---|
| mündliche Weitergabe, gewohnheitsbasierte Methoden | pädagogische Ansätze, visuelle und erzählerische Methoden |
| Wissen bleibt oft in Familien | Ziel: breitere Vermittlung in der Gemeinde |
Die Erfahrung von Y Roh Niê macht sichtbar, dass Kulturpflege nicht allein auf Tradition beruhen darf: Sie braucht Vermittlungskompetenz, Anpassungsfähigkeit und Angebote, die Jugendliche dort abholen, wo sie stehen. Das Programm in Dak Lak ist ein konkreter Schritt in diese Richtung und ein Modell, das auch anderswo Anknüpfungspunkte bieten könnte.