Ein Leben auf der Flucht — und der Weg zurück ins Sprechen
Als Jamil Hassan im Alter von 18 Jahren nach Deutschland kam, trug er die Spuren einer Fluchtreise, die seine Zukunft radikal veränderte. Geboren in Nordsyrien, verliess er seine Heimat 2015 ein Jahr vor dem Schulabschluss. Gemeinsam mit seinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern wählte die Familie den Weg über Bulgarien und die Türkei bis nach Ulm. "
Das ist sicherer als über das Meer", erinnert sich Hassan an die Entscheidung, den Wald zu durchqueren. Stundenlanges Laufen, nächtliches Ruhen auf dem Boden, immer wieder die Angst: "Es hat nach Tod gerochen." Diese Erinnerungen prägen nicht nur seine Biografie, sondern auch die Bedürfnisse jener Kinder, denen er heute hilft.
Von eigener Integration zur Unterstützung anderer
Heute ist Hassan 29 Jahre alt, hat den deutschen Pass und arbeitet als Elektriker. Sein Lebensweg zeigt ein gelungenes Beispiel gesellschaftlicher Integration: Sprach- und Berufsbildung, Ausbildung, Arbeit. Zugleich hat er eine persönliche Wandlung vollzogen, die in seinem Herkunftsmilieu kontrovers aufgenommen wurde — er konvertierte zum Christentum, eine Veränderung, die er selbst als "rote Linie" bezeichnet.
Dolmetscher in der Therapie: Zwischen Sprache und Trauma
Hassan setzt seine Erfahrungen nun anders ein: Er begleitet Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien in Therapiesitzungen der Caritas Ulm-Alb-Donau. Viele dieser jungen Patienten leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen mit Symptomen wie anhaltender Angst und permanenter Wachsamkeit. Die Therapiearbeit wird jedoch durch mehrere Hindernisse erschwert:
- Sprachbarrieren: Geflüchtete Kinder finden oft keine adäquate sprachliche Brücke zu Therapeutinnen und Therapeuten.
- Kulturelles Stigma: In manchen Herkunftskulturen gilt es als Tabu, über Ängste und psychische Probleme zu sprechen, selbst innerhalb der Familie.
- Versorgungsengpässe: Lange Wartelisten begrenzen den Zugang zu dringend benötigter professioneller Hilfe.
Praxis und Zahlen — Einblick in die Versorgung
Die Psychotherapeutin Christine Krug, Leiterin bei der Caritas Ulm-Alb-Donau, berichtet, dass in 2025 rund 170 Kinder in Einzeltherapie betreut wurden. Diese Zahl gibt einen konkreten Eindruck vom Umfang der Nachfrage, sie verbildlicht aber auch die Belastung der lokalen Strukturen, wenn viele traumatisierte junge Menschen Unterstützung benötigen.
| Jahr | Betreute Kinder (Einzeltherapie) |
|---|---|
| 2025 | ~170 |
| Seit | 2022 (Jamil Hassan: deutscher Pass) |
Folgen und Perspektiven
Hassans Engagement macht deutlich, wie wichtig kulturell sensible Vermittlerinnen und Vermittler in therapeutischen Prozessen sind. Sie schaffen Vertrauen, erleichtern das Ausdrücken von Erlebtem und können so Therapieerfolge erst ermöglichen. Gleichzeitig offenbart die Geschichte strukturelle Lücken: Wo Fachkräfte knapp sind und Vorurteile psychische Hilfen tabuisieren, bleiben viele Traumata ungelöst — mit langfristigen Folgen für Bildungschancen, Integration und gesellschaftliche Teilhabe.
Die Erfahrungen aus Ulm liefern deshalb Argumente für eine Stärkung mehrerer Bereiche: Ausbau von sprachlich und kulturell kompetenten Angeboten, kürzere Wartezeiten für psychotherapeutische Versorgung und gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die das Thema psychische Gesundheit entstigmatisiert. So könnten aus einzelnen Erfolgsgeschichten wie jener von Jamil Hassan dauerhaft tragfähige Integrationswege entstehen — zugunsten der betroffenen Kinder und der Gesellschaft insgesamt.
„Das ist mein Beitrag für die deutsche Gesellschaft“, sagt Hassan, der heute zwischen Therapeuten und geflüchteten Kindern vermittelt.