Fünf Jahre nach der Machtübernahme durch die Taliban hat sich das akademische Leben an afghanischen Universitäten grundlegend verändert. Was bisher Orte kritischer Auseinandersetzung waren, gleichen vielerorts strikten Lehranstalten mit religiösem Schwerpunkt. Diese Entwicklung hat bereits jetzt deutliche Folgen für die Zahl der Studierenden und die Qualität der Lehre.
Was sich konkret geändert hat
Berichte aus mehreren Städten schildern, wie Studierende zunehmend kontrolliert werden: Vorgeschriebene Kleidung, der Zwang, einen Bart zu tragen, und tägliche Gebetszeiten, die bis zu zwei Stunden in Anspruch nehmen können. Zusätzlich werden regelmässig Pflichtlektionen zu islamischer Lehre, Verhalten und Gehorsam eingeführt, wodurch die verfügbare Zeit für naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Fächer schrumpft. Debatten, kritische Rückfragen und freier Austausch scheinen aus dem Unterricht weitgehend verschwunden.
- Vorschriften zu Auftreten und Kleidung und physische Sanktionen bei Nichteinhaltung.
- Vermehrte religiöse Pflichtlektionen und tägliche Gebetszeiten, die den Stundenplan dominieren.
- Rückgang an erfahrenen Dozierenden: Viele Professorinnen und Professoren sind gegangen oder wurden ersetzt.
Folgen für Einschreibungszahlen
Die veränderten Studienbedingungen zeigen sich deutlich in den Zahlen: Laut Unesco waren 2019 noch 310'369 Männer an afghanischen Universitäten eingeschrieben; 2024 liegt ihre Zahl bei 188'957. Die Zahl der Studentinnen ist den Berichten zufolge auf null gesunken. Diese Entwicklung dokumentiert nicht nur einen Rückgang des Vertrauens in das Hochschulsystem, sondern auch einen massiven Verlust an Bildungschancen für Frauen.
| Jahr | Männer eingeschrieben | Studentinnen eingeschrieben |
|---|---|---|
| 2019 | 310'369 | (nicht in Quelle spezifiziert) |
| 2024 | 188'957 | 0 |
Was Lehrende und Studierende berichten
Erfahrene Dozierende hätten das Land verlassen oder würden nicht mehr unterrichten, heisst es. An ihre Stelle träten oft junge Lehrpersonen aus dem Umfeld der Taliban, die selbst erst kürzlich graduieren konnten. Das verändere sowohl die didaktische Qualität als auch das inhaltliche Profil der Universitäten.
„Man erwartet von uns, dass wir zuhören, nicht, dass wir Fragen stellen.“
Solche Aussagen zeigen, dass das universitäre Selbstverständnis – als Ort der Kritik und des Hinterfragens – massiv erodiert ist. Für viele junge Afghaninnen und Afghanen scheint dadurch der Nutzen eines Studiums fraglich geworden zu sein.
Konsequenzen und offene Fragen
Die Folgen sind vielschichtig: Neben dem Bildungsdefizit droht ein langfristiger Schaden für den Fachkräftepool des Landes, da spezialisierte Ausbildung und Forschung zurückgehen. Dies kann wirtschaftliche Erholung und staatlichen Wiederaufbau zusätzlich erschweren. Für die internationale Gemeinschaft stellt sich die Frage, wie Bildungsangebote ausserhalb Afghanistans oder Fernlernmodelle gestützt werden können, um zumindest Teilzugänge zu akademischer Bildung zu erhalten.
Für Familien, die mit der Zukunft ihrer Kinder ringen, bedeutet die Lage eine harte Entscheidung: Hoffnung auf lokale Bildung aufzugeben oder das Risiko einer gefährlichen Migration einzugehen. Die aktuellen Zahlen und Berichte machen deutlich, wie tiefgreifend die Umstrukturierung des Hochschulwesens ist und wie schwierig es sein wird, verlorenes Vertrauen und verloren gegangene Bildungsinfrastruktur wieder aufzubauen.