Die deutsche Gießerei-Industrie steht vor einer gravierenden Zäsur. Seit 2018 ging die Produktion um 40 Prozent zurück; nahezu ein Fünftel der Beschäftigten hat die Branche verloren. Von einst 80'000 Arbeitsplätzen sind noch knapp 68'000 übrig. Diese Zahlen kennzeichnen nicht nur einen konjunkturellen Abschwung, sondern den Verlust einer industriellen Kernkompetenz, die sich kaum wiederherstellen lässt, sobald sie einmal verloren ist.
Strategische Bedeutung trifft wirtschaftliche Verwundbarkeit
Gusserzeugnisse sind allgegenwärtig im produzierenden Gewerbe: Sie finden sich im Maschinenbau, in Windkraftanlagen, in der Automobilindustrie, in der Energietechnik und in Verteidigungssystemen. Ohne Gießereien fehlen Gehäuse, Turbinenkomponenten oder Rotoren – Elemente, auf die komplexe Wertschöpfungsketten angewiesen sind. Dass eine einzelne Gießerei in Mülheim an der Ruhr nur durch das Einschreiten eines Rüstungskonzerns gerettet werden konnte, illustriert die sogenannte stille strategische Bedeutung: Verlust von Know-how, Abbau von Fachkräften und die Demontage von Infrastruktur führen zu dauerhaften Engpässen.
- Industriezweige, die Gussteile benötigen: Maschinenbau, Windkraft, Automobil, Energie, Verteidigung
- Zentrale Probleme: Fachkräftemangel, wirtschaftliche Anfälligkeit kleiner Betriebe, fehlende Rentabilität
- Langfristige Risiken: Verlust nationaler Produktionskapazität und Abhängigkeiten
Gießereigipfel in Berlin: Versuch, Substanzverlust zu stoppen
In Berlin versammeln sich zwölf Bundesländer, der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie und die IG Metall, um gemeinsame Positionen vorzulegen. Es geht darum, einen schleichenden Substanzverlust aufzuhalten, bevor er irreversibel wird. Der Gipfel ist damit mehr als eine Branchenkonferenz: Er ist ein Alarmzeichen für Politik und Wirtschaft, die Struktur der industriellen Basis zu sichern.
| Indikator | Wert (vor 2018) | Aktuell |
|---|---|---|
| Produktion | Referenzjahr | −40 % seit 2018 |
| Beschäftigte | 80'000 | knapp 68'000 |
Die Folgen eines weiteren Rückgangs wären nicht nur lokal spürbar. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln rechnet bei Fortsetzung des Trends mit einem jährlichen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungsverlust von rund 65 Milliarden Euro und mittelfristig dem Wegfall von fast 600'000 Arbeitsplätzen – direkt und entlang der Zulieferketten. Solche Projektionen unterstreichen, dass das Thema über die betroffenen Unternehmen hinaus nationale Bedeutung hat.
Die Diskussion in Berlin muss daher praktische Leitfragen beantworten: Wie lassen sich kritische Kapazitäten erhalten? Welche staatlichen oder brancheninternen Sicherungsmechanismen sind nötig, um Kettenbrüche zu verhindern? Und wie kann Fachwissen dauerhaft gesichert werden, wenn Ausbildungsplätze und Produktionsstätten abgebaut wurden? Ohne klare Antworten droht Deutschland, auf Teile einer Schlüsselindustrie dauerhaft verzichten zu müssen.
Der Gießereigipfel ist ein erster Schritt, aber keine Garantie. Entscheidend werden konkrete Massnahmen sein – von Förderinstrumenten über Ausbildungsoffensiven bis zu politischen Rahmenbedingungen, die es kleinen und mittleren Produzenten erlauben, wettbewerbsfähig zu bleiben. Bleiben diese aus, ist das Risiko hoch: Wenn Gießereien verschwinden, gehen nicht nur Öfen und Hallen verloren, sondern auch Fertigkeiten, Zulieferbeziehungen und damit industrielle Souveränität.