Hochwasser als bilanzielles Risiko für die deutsche Volkswirtschaft
Eine umfangreiche Analyse des Kreditversicherers Allianz Trade rechnet vor, dass ein schweres Hochwasserereignis im Jahr 2027 die deutsche Wirtschaftsleistung innerhalb der folgenden drei Jahre um bis zu 108 Milliarden Euro schwächen könnte. Diese Belastung entspricht laut Studie etwa 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und geht deutlich über die rein materiellen Schäden hinaus.
Mehr als nur zerstörte Bauten: wie die Kosten entstehen
Die Studie hebt hervor, dass neben direkten Sachschäden vor allem folgende Faktoren zu der grossen Summe beitragen:
- Verzögerte Investitionen: Unternehmen schieben geplante Projekte auf, was die Bruttoanlageinvestitionen signifikant verringert.
- Produktionsunterbrechungen: beschädigte Fertigungsstätten und unterbrochene Lieferketten schränken die Wertschöpfung ein.
- Nachfragerückgang: Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte würde nach der Studie um rund 4,1 Prozent sinken; der Konsum könnte um etwa 44 Milliarden Euro zurückgehen.
Besonders stark betroffen wären laut Analyse die Bruttoanlageinvestitionen, die um schätzungsweise 83,6 Milliarden Euro einbrechen könnten. Die Studie betont damit die langfristige Potenz von Naturkatastrophen, Wachstumspfad und Investitionsdynamik zu beeinflussen.
„Sachschäden sind nur eine Komponente bei den Kosten von Hochwassern“, sagte Hazem Krichene, Klimaökonom bei Allianz Research. „Das Wirtschaftswachstum leidet langfristig.“
Deutschland in Europa besonders betroffen
Zwischen 2000 und 2025 hat Deutschland dem Bericht zufolge mit rund 69 Milliarden Euro die höchsten Hochwasserschäden in Europa verzeichnet. Zum Vergleich nannte die Analyse:
| Land / Region | Schäden seit 2000 (Mrd. Euro) |
|---|---|
| Deutschland | 69 |
| Italien | 37 |
| Spanien | 22 |
| Europa gesamt | 226 |
Allianz Trade warnt, dass ohne zusätzliche Anpassungsanstrengungen die jährlichen Flutschäden in der EU und dem Vereinigten Königreich bis 2100 auf nahezu 50 Milliarden Euro ansteigen und sich damit versechsfachen könnten.
Prävention rechnet sich — Umsetzung hinkt hinterher
Die Studie unterstreicht das ökonomische Argument für Vorsorge: Jeder in Prävention investierte Euro vermeide demnach Schäden in etwa vierfacher Höhe. Trotz dieser Rechnung bemängelt Allianz Trade die langsame Umsetzung konkreter Schutzmassnahmen. So existieren für das Nationale Hochwasserschutzprogramm seit 2013 laut Analyse geplante Mittel in Höhe von 6 bis 7 Milliarden Euro, doch seien bislang nur Teilbeträge tatsächlich ausgezahlt worden.
„Hochwasser sind extrem teuer - und sie häufen sich“, sagte Milo Bogaerts, Chef von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die Studie verweist damit auf eine doppelte Herausforderung: Einerseits steigen die Risiken durch klimabedingte Extremereignisse, andererseits stockt die konkrete finanzielle und organisatorische Umsetzung wirksamer Schutzmassnahmen. Für Politik, Wirtschaft und Versicherer bedeutet dies: kurzfristige Reaktionsfähigkeit erhöhen und langfristig in Anpassungsinfrastruktur investieren, um nachhaltige Wohlstandsverluste zu verhindern.
Für private Haushalte und Unternehmen heisst das konkret: grösseres Augenmerk auf Standortwahl, Betriebsunterbruchversicherungen und interne Vorsorgepläne. Für die öffentliche Hand besteht Handlungsbedarf bei der Priorisierung von Investitionsmitteln, dem Ausbau von Frühwarnsystemen und der Beschleunigung beim Ausbau von Hochwasserschutzprojekten.