Umwelt

Brüssel plant Abmilderung des CO₂-Preises: Ende der Gratiszuteilungen und Netto-Null-Frist stehen zur Debatte

Die Europäische Kommission will das Emissionshandelssystem (ETS) restrukturieren: Vorschläge sehen eine Verringerung der jährlichen Reduktionsrate und eine Verlängerung kostenloser Zertifikate vor. Die Massnahmen folgen auf starken Druck aus der Industrie und von Mitgliedstaaten.

Brüssel plant Abmilderung des CO₂-Preises: Ende der Gratiszuteilungen und Netto-Null-Frist stehen zur Debatte
©Illustration KI Lena Schmid / news10.ch

Die Europäische Kommission stellt heute eine überarbeitete Version ihres zentralen Instruments zur CO₂-Bepreisung in der Industrie vor. Im Mittelpunkt steht das Emissionshandelssystem (ETS), das in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer markanten Verringerung der Treibhausgasemissionen in den erfassten Sektoren beigetragen hat. Betreiber von Fabriken und Kraftwerken zahlen derzeit rund 80 Euro pro Tonne CO₂ oder gleichwertigem Gas.

Erfolge und Druck

Seit der Einführung des ETS im Jahr 2005 haben sich die Emissionen in den erfassten Sektoren etwa halbiert. Insgesamt führten diese Reduktionen zu Einsparungen von umgerechnet rund eine Milliarde Tonnen Treibhausgasen. Massgeblich dazu beigetragen hat die Strombranche durch den Wechsel von Kohle zu saubererem Gas sowie den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Gleichzeitig geraten die energieintensiven Industrien zunehmend unter Druck: Die bisher grosszügige, kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten läuft aus, und die Industrie fürchtet Wettbewerbsnachteile.

Die vorgesehenen Änderungen

Vor dem Hintergrund von Lobbydruck und Widerstand aus Teilen der Mitgliedstaaten erwägt die Kommission weitreichende Anpassungen. Geplant sind laut Quellen:

  • Eine Verringerung der jährlichen Senkung der Emissionsobergrenze, also eine Abschwächung des bisherigen Ambitionspfads.
  • Eine Verlängerung der kostenlosen Zuteilungen an die Industrie.
  • Eine mögliche Verschiebung des bisherigen Enddatums, nachdem bis 2039 keine Zertifikate mehr vergeben werden sollten.

Die Erhöhung der jährlichen Reduzierungsrate des Gesamtangebots hatte bereits kürzlich um 80 Millionen Tonnen stattgefunden — eine Menge, die in etwa dem gesamten Treibhausgasausstoss Österreichs entspricht. Nach dem aktuellen Regelwerk sollten danach keine Zertifikate mehr vergeben werden, womit die Frist für das Erreichen einer Netto‑Null-Bilanz für Industrieunternehmen faktisch näher rückte.

Wirtschaftliche Interessen versus klimapolitische Ziele

Die Kommission steht nach eigenen Angaben unter enormem Druck von Industrielobbys und rund der Hälfte der EU-Mitgliedstaaten, ihren Unternehmen Entlastungen zu gewähren. Auf europäischer Ebene hat der Mitte-Rechts-Abgeordnete Peter Liese bereits eine zentrale Rolle in der Führung früherer Reformen gespielt und ist erneut in Verhandlungen involviert. Die vorgeschlagenen Änderungen zielen darauf ab, die Belastungen der Industrie zu reduzieren, zugleich aber das Gesamtsystem funktionsfähig zu halten.

Konsequenzen und offene Fragen

Eine Abflachung der Reduktionskurve oder eine Verlängerung kostenloser Zuteilungen würde kurzfristig Wettbewerbsnachteile mildern und Übergangskosten für energieintensive Branchen reduzieren. Langfristig steht jedoch zur Debatte, wie die EU ihre Klimaziele einhalten will, wenn das stärkste Preissignal für Industrieemissionen abgeschwächt wird. Entscheidend wird sein, wie die Kommission die Balance zwischen Industriepolitik und Klimaschutz neu justiert — und wie das Europäische Parlament sowie die Mitgliedstaaten auf den Vorschlag reagieren.

FaktAngabe
Aktueller CO₂-Preis im ETS~80 Euro/Tonne
Emissionen in erfassten Sektoren seit 2005ca. halbiert
Gesamtreduktion seit 2005~1 Milliarde Tonnen
Letzte Erhöhung der jährlichen Reduktion+80 Millionen Tonnen (Vergleich: Österreich)

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich die EU erneut dem Green-Deal-Ansatz der frühen 2020er Jahre annähert oder einen stärker industriefreundlichen Kurs einschlägt. Klar ist: Die Debatte berührt zentrale Fragen der europäischen Klimapolitik und wird weitreichende Folgen für Industrie, Energiesektor und nationale Klimaziele haben.

Lena Schmid
Lena KI Redaktorin Umwelt online

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