Eine Spur vom Alltäglichen zum Politischen
Im vertrauten Foyer der Berliner Gedächtniskirche, in Räumen, die noch die Nachkriegsmoderne atmen, nimmt die Ausstellung «When Night Falls» von Éric Baudelaire Besucherinnen und Besucher an die Hand. Eingangs klingt ein zurückhaltendes "deux, trois" einer Kinderstimme – ein kleiner, fast banaler Moment, der sich mit Motorengeräuschen und den Bildern auf mehreren Screens zu einer Mischung aus Intimität und anonymer Produktionsrealität verwebt. Die Überraschung liegt dabei nicht nur im Mediumwechsel: Während Baudelaire international vor allem als Filmemacher und Fotograf bekannt ist, stehen hier auch haptische Holzskulpturen im Vordergrund.
Materialität, die berührt
Auf Tischgestellen verteilt, liegen zwölf aus Kirschholz gearbeitete Objekte: Landschaftsfragmente mit Mulden, Wülsten und bisweilen den Andeutungen eines Duplo-Steins. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, die Oberflächen zu ertasten. Dieses Erlaubte — das Berühren der Kunst — schafft eine direkte Verbindung zwischen Körper und Werk. Wer mit dem Finger in eine Vertiefung fährt, erlebt etwas, das fast therapeutisch wirkt, und zugleich irritiert der Klangraum, der die sinnliche Erfahrung relativiert.
Filmischer Kontext und ästhetische Ambivalenz
Baudelaire ist kein reiner Objektkünstler. Seine Gegenüberstellung von skulpturalen, tastbaren Formen mit filmischen Sequenzen verweist auf seine thematische Bandbreite: In anderen Arbeiten hat er etwa die maschinellen Abläufe des internationalen Blumenhandels in Bild- und Tondauerstudien untersucht. Für Baudelaire gehört zu solchen Beobachtungen das Paradoxe, das sich zwischen Anziehung und Tragik aufspannt.
„das Schöne und Tragische zugleich“
Ausstellung als Frage an die Gesellschaft
Die Kombination von taktilen Miniaturlandschaften und dokumentarischem Film eröffnet Fragen: Wie fühlt sich Gesellschaft an, wenn man sie nicht nur sieht, sondern auch berührt? Welche Rolle spielen Rhythmus, Wiederholung und Sound bei der Erfahrung industrieller Prozesse? Baudelaire liefert keine einfachen Antworten, wohl aber Erfahrungsräume, in denen sich ästhetische Faszination und kritische Distanz überschneiden.
Praktische Hinweise
Die Schau im CCA Berlin – Center for Contemporary Arts läuft bis zum 29. August. Die Ausstellung vereint:
- Filmische Arbeiten auf großen Screens, die industrielle Abläufe zeigen
- Handliche Holzskulpturen, die Besucherinnen und Besucher berühren dürfen
- Einen Soundraum, der die Wahrnehmung der Objekte beeinflusst
| Künstler | Ort | Laufzeit |
|---|---|---|
| Éric Baudelaire | CCA Berlin | Bis 29. August |
Was bleibt
Die Ausstellung wirkt wie ein Versuch, gesellschaftliche Abläufe sinnlich fassbar zu machen — nicht durch das triumphale Ausstellen von Information, sondern durch das Erzeugen von Körperwissen. In Zeiten, in denen soziale Prozesse oft abstrakt, digital und entkörperlicht erscheinen, ist genau diese Rückkehr zur Materialität eine provozierende und zugleich tröstliche Erfahrung.