Ein Blick in die Spielplätze und Schulhöfe von heute zeigt die Erwachsenen und die Gesellschaft von morgen. Deshalb ist die Botschaft des Wiener Psychiaters unmissverständlich: Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen entscheidet mit über die Zukunft einer Gesellschaft. Angesichts der vorgelegten Zahlen spricht vieles dafür, dass hier rasches Handeln nötig ist.
Hohe Prävalenz, grosse Versorgungslücke
Die Studie- und Klinikzahlen, auf die der langjährige Chefarzt der Wiener Psychosozialen Dienste verweist, zeigen klare Grössenordnungen: Die Punktprävalenz psychischer Erkrankungen bei 10- bis 18-Jährigen liegt bei 23,9 Prozent, die Jahresprävalenz bei rund 35 Prozent. Von diesen Kindern und Jugendlichen müssen nach Einschätzung der Expertinnen und Experten etwa 15 Prozent behandelt werden.
"Das Kind ist der 'Vater' des späteren Menschen",
mit diesem Bild begründete der Psychiater seine Forderung nach einer starken Ausrichtung der Gesundheitsressourcen auf frühkindliche und jugendpsychiatrische Versorgung. Die derzeitige Ausstattung in Österreich bezeichnete er als unzureichend, besonders in der peripartalen Betreuung — also jener Phase rund um Schwangerschaft und Geburt.
Wo die Prioritäten fehlen
Der Experte weist auch auf strukturelle Schieflagen hin: Während es Überkapazitäten in Bereichen wie Chirurgie oder Augenheilkunde gebe, sei die Psychiatrie für Kinder und Jugendliche dramatisch unterversorgt. Die Folge: Erkrankungsdynamiken, die sich oft schon bis zum 14. Lebensjahr zeigen, bleiben unbehandelt oder werden zu spät erkannt.
- Frühe Intervention verhindert Chronifizierung psychischer Leiden.
- Peripartale Betreuung ist aus Sicht des Psychiaters ein Schlüsselfeld für Prävention.
- Ressourcen‑ und Personalaufbau in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist dringend erforderlich.
Folgen für Gesellschaft und Demografie
Der Experte führt demografische Zahlen an: Österreich verzeichnet aktuell rund 70'000 Neugeborene pro Jahr, im Vergleich zu früheren Jahrgängen mit deutlich höheren Geburtenzahlen. Angesichts schrumpfender Geburtenraten wird die Frage, wie viele junge Menschen später gesund ins Erwachsenenleben eintreten, für das Funktionieren von Bildungssystem, Arbeitsmarkt und Sozialversicherung zusehends existenziell.
| Indikator | Zahl |
|---|---|
| Punktprävalenz (10–18 Jahre) | 23,9 % |
| Jahresprävalenz | ~35 % |
| Behandlungspflichtig (geschätzt) | 15 % |
| Neugeborene pro Jahr (Österreich) | 70'000 |
Die Schlussfolgerungen sind klar: Ohne gezielte Prävention, Ausbau ambulanter und stationärer Angebote sowie Investitionen in die peripartale Versorgung werden sich psychische Probleme verfestigen und die Last für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft insgesamt erhöhen. Die Debatte muss deshalb in Politik und Gesundheitsplanung ganz oben auf die Agenda.
Konkrete Massnahmen, die aus den Zahlen folgen, sind ein Ausbau der kinder- und jugendpsychiatrischen Kapazitäten, bessere Versorgungsnetze für Schwangere und Familien sowie frühzeitige Schul‑ und Gemeindeprogramme zur Förderung psychischer Gesundheit. Die Zeit zum Handeln ist begrenzt — die Betroffenen sind bereits da.