Wenn in Gesprächen über Gleichstellung im islamischen Kontext meist die Rolle der Frau im Zentrum steht, dann verlagert der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide den Blick bewusst auf die Männer. „Wir müssen über die Männer sprechen“, sagt Khorchide und plädiert dafür, nicht nur die Befreiung der Frauen zu diskutieren, sondern auch die Vorstellungen von Männlichkeit, die diese Befreiung erschweren können.
Religion als Quelle von Normen — und als Ressource für Veränderung
Khorchide, Dekan der islamisch-theologischen Fakultät der Universität Münster, argumentiert in seinem neuen Buch, dass problematische Formen muslimischer Männlichkeit teilweise auf religiösen Deutungen beruhen. Er nennt Muster wie Kontrolle, Dominanz und die Erwartung von Härte. Emotionales Zurückhalten und das Vermeiden jeder Form von Schwäche seien weit verbreitet und würden in Familien und Gemeinschaften weitergegeben.
Als Beispiel führt Khorchide eine persönliche Erinnerung an: Jungen halfen im Haushalt, aber nicht wenn männliche Verwandte zugegen waren — weil es als unmännlich galt, Hausarbeit zu zeigen. Solche alltäglichen Praktiken illustrieren, wie soziale Normen hinter dem religiösen Diskurs wirken können, ohne dass dies als bewusster Bruch mit religiösen Vorgaben verstanden wird.
„Wir müssen über die Männer sprechen“
Textstellen, Traditionen, Interpretationen
Der Theologe verweist auf Stellen im Koran und in der Sunna, die in traditionellen Auslegungen eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen begründen können. Er nennt insbesondere Sure 4, Vers 34, der Formulierungen enthält, nach denen Männer eine Verantwortung für Frauen tragen und eine rechtschaffene Frau als gehorsam beschrieben wird. Solche Passagen werden in konservativen Lesarten oft so gedeutet, dass sie eine Geschlechterordnung mit männlicher Vorherrschaft legitimieren.
Auch Hinweise auf Ungleichheiten etwa im Erbrecht oder Scheidungsrecht werden angeführt, um aufzuzeigen, wie sich normative Zuschreibungen historisch verfestigt haben. Gleichzeitig betont Khorchide, dass Interpretationen vielfältig sind und der Koran nicht zwangsläufig ein «Machogebot» vorschreibt.
- Problematische Muster: Kontrolle, Dominanz, Emotionsvermeidung.
- Religiöse Auslegungen: Bestimmte Koranverse und Traditionen werden konservativ interpretiert.
- Soziale Praxis: Alltägliche Erziehungs- und Familienregeln stabilisieren Rollenbilder.
Folgen für Gesellschaft und Dialog
Die Verschiebung der Analyse hin zu Männern hat praktische Konsequenzen: Bildungsangebote, religiöse Bildung und community-basierte Projekte müssten Männer explizit einbeziehen, wenn Gleichstellung ernsthaft gefördert werden soll. Es geht nicht nur um Verbote oder Gesetzesänderungen, sondern um die Frage, wie Normen in Familie, Gemeinde und religiöser Praxis verändert werden können.
| Aspekt | Beispiel |
|---|---|
| Religiöse Textstellen | Sure 4, Vers 34; Überlieferungen in der Sunna |
| Gesellschaftliche Praxis | Erwartungen an Männer in Haushalt und Öffentlichkeit |
Die Debatte, wie islamische Texte gelesen werden, ist nicht neu, wohl aber dringlicher: Wenn konservative Deutungen männliche Überlegenheit reproduzieren, verengt das den Handlungsspielraum für Frauen und Männer gleichermaßen. Khorchide zeigt damit auch einen Pfad auf: Theologie und Bildung können Rollenbilder kritisch hinterfragen und so zur Emanzipation beitragen, ohne religiöse Identität zu negieren.
Für die Schweiz bedeutet das: Auseinandersetzungen über Geschlechterrollen in muslimischen Gemeinschaften sollten weniger in stereotypen Bildern verhaftet werden und mehr Männer in die Diskussion und Bildungsarbeit einbeziehen. Nur so lassen sich Sicherheit, Gleichstellung und gelebte Vielfalt langfristig stärken.