Neue Auswertung wirft Fragen zur männlichen Gesundheit auf
Ein internationales Forscherteam hat in einer Auswertung von Daten aus sechs Langzeitstudien festgestellt, dass der durchschnittliche Testosteronspiegel bei Männern zwischen 1972 und 2019 um rund 54 Prozent gesunken ist. Für ihre Analyse werteten die Wissenschaftler die Resultate von etwa 118'600 Männern aus Studien in Israel, den USA, Brasilien, Finnland und Dänemark aus. Präsentiert wurden die vorläufigen Befunde am Jahreskongress der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE); eine formelle Peer‑Review durch Fachjournale steht noch aus.
Die Autoren errechneten einen durchschnittlichen Rückgang von ungefähr 1 Prozent pro Jahr und beobachten, dass sich der Trend nach 2000 zu beschleunigen scheint. Testosteron ist zentral für Muskel‑ und Knochenaufbau, Stoffwechsel und die Spermienproduktion. Ein dauerhaft tiefer Spiegel kann mit Symptomen wie Energiemangel, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen und reduziertem Sexualtrieb einhergehen. Vor diesem Hintergrund sehen die Forscher mögliche Auswirkungen auf die männliche Reproduktionsfähigkeit.
Mögliche Ursachen und Vorbehalte
Als mögliche Erklärungen nennen die Wissenschaftler mehrere Faktoren, wobei
- Übergewicht und Diabetes hervorgehoben werden: Fettgewebe kann Testosteron in Östrogen umwandeln und so die Messwerte senken.
- Weitere Umwelt‑, Lebensstil‑ oder Messmethodenunterschiede könnten ebenfalls beitragen; die Studie diskutiert mehrere Hypothesen, ohne eine einzelne Ursache zu bestätigen.
Die Interpretation ist nicht unumstritten. So hatten frühere Analysen desselben Teams bereits einen langfristigen Rückgang der Spermienzahlen beschrieben. Demgegenüber fand eine dänische Studie aus 2024 in einem kürzeren Untersuchungszeitraum keine Abnahme der Gesamtzahl, wohl aber eine Abnahme der beweglichen Spermien seit 2019, ein wichtiger Faktor für die Fertilität. Diese widersprüchlichen Befunde zeigen, dass weitere, sorgfältig begutachtete Forschung nötig ist.
Folgen für Gesundheitspolitik und Forschung
Falls sich der beobachtete Trend bestätigt, hätte dies mehrere Konsequenzen: Die klinische Diagnostik und Versorgung von Männern mit Symptomen eines Testosteronmangels würde an Bedeutung gewinnen; Präventionsstrategien gegen Übergewicht und metabolische Erkrankungen könnten zusätzlichen Einfluss auf die Reproduktionsgesundheit haben; und die öffentliche Gesundheit müsste mögliche demografische Effekte beachten.
| Parameter | Angabe |
|---|---|
| Untersuchte Männer | 118'600 |
| Zeitraum | 1972–2019 |
| Durchschnittlicher Rückgang | 54 % (~1 %/Jahr) |
Wichtig bleibt: Die Resultate sind bisher Kongressdaten und müssen den üblichen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess durchlaufen, bevor sie als gesichert gelten. Bis dahin sind die Befunde als ernstzunehmender Hinweis zu werten, nicht als abschliessende Erklärung für Veränderungen der männlichen Gesundheit.