Ein einfacher Test, weitreichende Bedeutung
Der sogenannte Flamingo-Test – ein Bein anheben, balancieren und messen, wie lange die Position gehalten werden kann – wirkt auf den ersten Blick wie eine harmlose Übung aus dem Schulsport. Doch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen in diesem kleinen Funktionstest einen pragmatischen Marker für die neuromuskuläre Fitness. Für das Gleichgewicht müssen Gehirn, Innenohr, Augen, Nerven und Muskulatur simultan zusammenspielen; fällt dieses Zusammenspiel mit zunehmendem Alter ab, wird der Einbeinstand schwieriger.
Eine in einem renommierten Fachjournal veröffentlichte Analyse von Daten mit insgesamt 1'702 Personen im Alter von 51 bis 75 Jahren zeigte: Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht wenigstens 10 Sekunden auf einem Bein bleiben konnten, hatten in den Folgejahren ein deutlich höheres Risiko, früher zu sterben. Die Forschenden fanden ein nahezu doppelt so hohes Risiko für einen vorzeitigen Tod in der Gruppe mit schlechtem Testergebnis – unabhängig von Gewicht oder bekannten Vorerkrankungen.
Was der Test misst und was nicht
Der Flamingo-Test ist kein Instrument zur exakten Lebenserwartungsvorhersage. Er ist ein
- praktischer, schneller Screening-Test für die funktionelle Gesundheit;
- Indikator für eine beginnende Beeinträchtigung von Balance, Kraft oder Reaktionsvermögen;
- Mögliches Frühwarnzeichen, das weitergehende Untersuchungen rechtfertigen kann.
Da er Komponenten wie sensorische Verarbeitung und motorische Koordination erfasst, kann ein schlechter Einbeinstand eher auf eine generelle Schwächung des neuromuskulären Systems hinweisen als auf eine einzelne Erkrankung.
Folgen für Vorsorge und Praxis
Die Autorinnen und Autoren der Studie schlagen vor, dass dieser einfache Test künftig Bestandteil routinemässiger Gesundheitschecks werden könnte. Das würde primär zwei Dinge ermöglichen: erstens eine frühere Identifikation von Personen mit erhöhtem Risiko für Gebrechlichkeit und zweitens das rechtzeitige Einleiten von Präventionsmassnahmen wie gezieltem Kraft- und Balance-Training.
| Parameter | Wert aus der Studie |
|---|---|
| Anzahl Teilnehmende | 1'702 |
| Altersbereich | 51–75 Jahre |
| Wichtiger Schwellenwert | 10 Sekunden Einbeinstand |
| Assoziation | Nahezu verdoppeltes Sterberisiko bei schlechtem Resultat |
Einordnung und Grenzen
Wichtig ist, die Aussagekraft korrekt zu verstehen: Der Test zeigt ein erhöhtes Risiko auf Populationsebene, ersetzt aber keine umfassende medizinische Abklärung. Er sagt nicht, wie lange eine einzelne Person leben wird, und kann durch akute Faktoren wie Schmerzen, Gelenkprobleme oder aktuelle Erkrankungen beeinflusst werden. Zudem müssen weitere Studien klären, wie gezielte Interventionen das langfristige Risiko tatsächlich senken können.
Für die klinische Praxis und die Gesundheitsvorsorge bleibt der Vorteil des Flamingo-Tests seine Einfachheit: Er ist rasch durchführbar, kostengünstig und für breite Screening-Programme geeignet. Als Teil eines umfassenden Assessments könnte er dazu beitragen, frühzeitig Präventions- und Rehabilitationsmassnahmen zu initiieren und so die Lebensqualität im Alter zu verbessern.