Steuerabkommen verändert Arbeitsmarkt in Grenzregionen
Das vor knapp drei Jahren eingeführte Steuerabkommen zwischen der Schweiz und Italien beeinflusst die Entscheidung, in Graubünden zu arbeiten, spürbar. Im ersten Quartal 2026 waren im Kanton insgesamt rund 10'200 Grenzgänger beschäftigt; etwa 90 Prozent von ihnen haben ihren Wohnsitz in Italien. Nachdem der Anstieg der Grenzgängerschaft von 2002 bis 2024 konstant war, hat sich das Wachstum deutlich verlangsamt: In den beiden Folgejahren wurden lediglich 200 zusätzliche Bewilligungen erteilt.
Konkrete Folgen für Unternehmen vor Ort
Unternehmen in Grenznähe schildern praktische Folgen. Der Energiekonzern Repower mit Sitz in Poschiavo berichtet, dass Bewerbende aus dem Veltlin inzwischen Angebote aus Italien vorziehen, weil die Gesamtvergütung dort oft höher ausfällt. Entscheidend sei nicht nur der Bruttolohn, sondern die veränderte steuerliche Belastung, die die Nettorealität für Grenzgänger verschiebt.
„Der steuerliche Aspekt habe die Situation der Grenzgänger erheblich verschlechtert.“
Die Auswirkungen sind jedoch sektoral unterschiedlich: Im Gesundheitswesen bleiben Lohnunterschiede und kurze Arbeitswege oft ein Anreiz, im Baugewerbe sind die Löhne in Graubünden vergleichsweise attraktiv und halten Nachfrage aus Italien weiterhin hoch. In Gebieten mit längerer Anreise, etwa bei Einrichtungen, die nicht unmittelbar an der Grenze liegen, werde die Situation problematischer, so Stimmen aus dem Gesundheitssektor.
Was das für Pendler und Gemeinden bedeutet
Für den Arbeitsmarkt in Grenzregionen heisst das: Arbeitgeber müssen Lohn-, Arbeitsweg- und Steuerfragen neu kalkulieren, oder sie riskieren, Stellen nicht besetzen zu können. Für Gemeinden kann das geringere Interesse von Grenzgängern konkret Folgen haben:
- Engpässe in systemrelevanten Bereichen wie Pflege und Gesundheitsversorgung, falls Stellen nicht nachbesetzt werden können.
- Höhere Rekrutierungskosten für Unternehmen, die vermehrt mit höheren Lohn- oder Mobilitätsangeboten locken müssen.
- Veränderte Pendlerströme und potenziell längere Einarbeitungszeiten bei der Besetzung offener Stellen.
Fakten in Kürze
| Zeitraum | Beobachtung |
|---|---|
| 2002–2024 | Stetiger Anstieg der Grenzgängerzahlen |
| 2024–Q1 2026 | Nur noch +200 Bewilligungen |
| Q1 2026 | Rund 10'200 Grenzgänger im Kanton (≈90% wohnen in Italien) |
Fazit und Ausblick
Die neuen steuerlichen Rahmenbedingungen haben die Grundlagen der Pendlerentscheidung verschoben. Ob die Entwicklung zu strukturellen Engpässen führt, hängt von der Reaktionsfähigkeit der Arbeitgeber, von Preis- und Lohnanpassungen sowie von möglichen weiteren politischen Massnahmen ab. Für betroffene Gemeinden und Betriebe sind jetzt pragmatische Lösungen gefragt: bessere Mobilitätsangebote, gezielte Lohnanpassungen dort, wo die Konkurrenz aus Italien stark ist, und eine genaue Analyse, in welchen Berufen der Bedarf kritisch wird.