Zehn Jahre nach dem Blutbad beim Münchner Olympia-Einkaufszentrum bleiben die Narben sichtbar, nicht nur bei den Überlebenden, sondern vor allem bei den Hinterbliebenen. Sibel Leyla, deren Sohn Can am 22. Juli 2016 getötet wurde, beschreibt eine alltägliche Unsicherheit: Sie höre «jeden Tag die Hetze von der AfD, von den Politikern, über Migranten, über Muslime», und frage sich, «wie sollen wir uns hier in diesem Land oder in dieser Stadt wohlfühlen und sicher fühlen?»
„Wir hören jeden Tag die Hetze von der AfD, von den Politikern, über Migranten, über Muslime, dass wir nicht zu diesem Stadtbild gehören, dass wir nicht hierhergehören.“ — Sibel Leyla
Was die Familien besonders belastet
Die Belastung der Angehörigen besteht aus mehreren Ebenen: Der unmittelbare Verlust des Kindes einerseits, die fortdauernde Angst vor weiteren Übergriffen andererseits. Leyla sagt offen, sie lebe mit dem Gedanken, ihrer Familie könne etwas zustoßen. Dieses Gefühl ist nicht nur persönlich, es hat politische Dimensionen: Wenn Angehörige das Gefühl haben, gesellschaftliche Debatten stünden gegen sie, wirkt das wie eine neue Wunde.
Für viele Familien bleibt zudem schmerzhaft, dass die Tat zunächst von den Behörden als Amoklauf eingeordnet wurde; erst nach Jahren und Druck durch Angehörige wurden unabhängige Gutachten in Auftrag gegeben, auf deren Basis die Tat später als rassistisch und rechtsterroristisch eingestuft wurde. Die Fachstelle für Demokratie der Stadt München kritisiert, die Tat sei lange „als unpolitischer Amoklauf verharmlost“ worden.
- Datum der Tat: 22. Juli 2016
- Opfer: neun Tote (acht Jugendliche und eine erwachsene Frau)
- Ermittlungsstand: erste Einordnung als Amoklauf, spätere Einstufung als rassistisch/rechtsterroristisch
Erinnerung, Sichtbarkeit, Forderungen
Neben der politischen Einordnung ringen die Angehörigen auch um die Form der Erinnerung. Sie fordern mehr Sichtbarkeit, klare Worte gegen Rassismus und eine stete Auseinandersetzung mit den Ursachen rechter Gewalt. Die Erfahrung, sich weiterhin rechtfertigen zu müssen, Teil der Stadtgesellschaft zu sein, erleben sie als zusätzliche Belastung. Die Fachstelle weist darauf hin, dass nach dem Druck der Familien unabhängige Gutachten in Auftrag gegeben wurden, die eine Neubewertung der Tat ermöglichten — doch offene Fragen blieben bestehen.
| Aspekt | Angaben |
|---|---|
| Tatdatum | 22. Juli 2016 |
| Opfer | 9 Tote |
| Erstbewertung | Amoklauf |
| Neuere Einstufung | Rassistisch / rechtsterroristisch (nach unabhängigen Gutachten) |
Die Angehörigen rufen dazu auf, gegen Rassismus Haltung zu zeigen und nicht zu schweigen. Die Erinnerung an den 22. Juli bleibt eine Mahnung: Die Aufarbeitung politischer, institutioneller und gesellschaftlicher Reaktionen ist Teil der Verarbeitung — und eine Voraussetzung dafür, dass Hinterbliebene wieder ein Stück Sicherheit im Alltag finden können.