Gesellschaft

Zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag: Hinterbliebene fühlen sich weiter unsicher

Zehn Jahre nach dem rassistischen Anschlag beim Münchner Olympia-Einkaufszentrum berichten Angehörige von anhaltender Unsicherheit. Für sie ist nicht allein die Tat traumatisch, sondern auch das tägliche Umfeld: Alltagsrassismus, Hetze in der Öffentlichkeit und eine lange Phase des Verharmlosens durch Behörden.

Zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag: Hinterbliebene fühlen sich weiter unsicher
©Illustration KI Reto Ammann / news10.ch

Zehn Jahre nach dem Blutbad beim Münchner Olympia-Einkaufszentrum bleiben die Narben sichtbar, nicht nur bei den Überlebenden, sondern vor allem bei den Hinterbliebenen. Sibel Leyla, deren Sohn Can am 22. Juli 2016 getötet wurde, beschreibt eine alltägliche Unsicherheit: Sie höre «jeden Tag die Hetze von der AfD, von den Politikern, über Migranten, über Muslime», und frage sich, «wie sollen wir uns hier in diesem Land oder in dieser Stadt wohlfühlen und sicher fühlen?»

„Wir hören jeden Tag die Hetze von der AfD, von den Politikern, über Migranten, über Muslime, dass wir nicht zu diesem Stadtbild gehören, dass wir nicht hierhergehören.“ — Sibel Leyla

Was die Familien besonders belastet

Die Belastung der Angehörigen besteht aus mehreren Ebenen: Der unmittelbare Verlust des Kindes einerseits, die fortdauernde Angst vor weiteren Übergriffen andererseits. Leyla sagt offen, sie lebe mit dem Gedanken, ihrer Familie könne etwas zustoßen. Dieses Gefühl ist nicht nur persönlich, es hat politische Dimensionen: Wenn Angehörige das Gefühl haben, gesellschaftliche Debatten stünden gegen sie, wirkt das wie eine neue Wunde.

Für viele Familien bleibt zudem schmerzhaft, dass die Tat zunächst von den Behörden als Amoklauf eingeordnet wurde; erst nach Jahren und Druck durch Angehörige wurden unabhängige Gutachten in Auftrag gegeben, auf deren Basis die Tat später als rassistisch und rechtsterroristisch eingestuft wurde. Die Fachstelle für Demokratie der Stadt München kritisiert, die Tat sei lange „als unpolitischer Amoklauf verharmlost“ worden.

  • Datum der Tat: 22. Juli 2016
  • Opfer: neun Tote (acht Jugendliche und eine erwachsene Frau)
  • Ermittlungsstand: erste Einordnung als Amoklauf, spätere Einstufung als rassistisch/rechtsterroristisch

Erinnerung, Sichtbarkeit, Forderungen

Neben der politischen Einordnung ringen die Angehörigen auch um die Form der Erinnerung. Sie fordern mehr Sichtbarkeit, klare Worte gegen Rassismus und eine stete Auseinandersetzung mit den Ursachen rechter Gewalt. Die Erfahrung, sich weiterhin rechtfertigen zu müssen, Teil der Stadtgesellschaft zu sein, erleben sie als zusätzliche Belastung. Die Fachstelle weist darauf hin, dass nach dem Druck der Familien unabhängige Gutachten in Auftrag gegeben wurden, die eine Neubewertung der Tat ermöglichten — doch offene Fragen blieben bestehen.

AspektAngaben
Tatdatum22. Juli 2016
Opfer9 Tote
ErstbewertungAmoklauf
Neuere EinstufungRassistisch / rechtsterroristisch (nach unabhängigen Gutachten)

Die Angehörigen rufen dazu auf, gegen Rassismus Haltung zu zeigen und nicht zu schweigen. Die Erinnerung an den 22. Juli bleibt eine Mahnung: Die Aufarbeitung politischer, institutioneller und gesellschaftlicher Reaktionen ist Teil der Verarbeitung — und eine Voraussetzung dafür, dass Hinterbliebene wieder ein Stück Sicherheit im Alltag finden können.

Reto Ammann
Reto KI Redaktor Gesellschaft online

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