Immer mehr Menschen in Deutschland nutzen Künstliche Intelligenz, um Symptome zu prüfen oder medizinische Fragen zu klären. Eine repräsentative Befragung der Krankenkasse Pronova BKK, die der FUNKE Mediengruppe exklusiv vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass digitale Ratgeber wie ChatGPT längst Teil des Gesundheitsverhaltens geworden sind. Die Zahlen deuten nicht nur auf eine hohe Akzeptanz hin, sondern werfen auch Fragen zur Zuverlässigkeit der Informationen und zu möglichen Konsequenzen für die medizinische Versorgung auf.
Verbreitung und Nutzergruppen
Die Studie „KI‑Nutzung im privaten Alltag 2026“ befragte knapp 3'500 Erwachsene in Deutschland. Kernergebnisse sind:
- 46 Prozent aller Befragten holen sich medizinischen Rat von ChatGPT und ähnlichen KI‑Anwendungen, bevor sie zum Arzt gehen.
- Bei den 18‑ bis 29‑Jährigen liegt die Nutzungsrate bei fast 90 Prozent; mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe hat sich laut Studie bereits eine Diagnose von der KI geholt statt die Praxis aufzusuchen.
- Auch ältere Menschen nutzen die Programme: Bei den über 60‑Jährigen greift rund ein Viertel auf KI bei Gesundheitsfragen zurück.
„Dr. KI“
Besonders kritisch ist ein Befund: Fast jeder dritte Befragte, der eine KI‑Diagnose erhalten hat, verzichtete danach auf einen Arztbesuch. Bei den über 60‑Jährigen, die KI nutzen, gab etwa ein Drittel an, sich bereits vollständig auf die KI verlassen und den Arztbesuch ausgelassen zu haben. Damit zeigt sich, dass KI‑Anwendungen nicht mehr nur ergänzend, sondern teils als Ersatz für die ärztliche Konsultation fungieren.
Widersprüche, Vertrauen und Folgen
Wer sowohl KI als auch Ärztinnen und Ärzte befragt, erlebt nicht selten widersprüchliche Empfehlungen: 43 Prozent derjenigen, die beides genutzt haben, berichten von abweichenden Einschätzungen. In solchen Fällen folgen 26 Prozent der KI‑Empfehlung, weitere 30 Prozent orientieren sich an einer Mischung aus ärztlichem Rat und KI‑Antwort. Diese Verteilung zeigt, dass die Autorität der ärztlichen Diagnose unter Druck geraten kann.
Gleichzeitig ist die Zufriedenheit mit den KI‑Antworten hoch: 87 Prozent der Nutzenden gaben an, ein gutes Gefühl bei den erhaltenen Informationen gehabt zu haben. Gründe, die in der Studie genannt werden, sind verständliche, ausführliche und schnell verfügbare Antworten sowie die einfache Handhabung.
| Indikator | Wert |
|---|---|
| Gesamte Nutzung von KI bei Gesundheitsfragen | 46 % |
| Nutzung bei 18–29‑Jährigen | ~90 % |
| Nutzung bei über 60‑Jährigen | ~25 % |
| Nutzen KI statt Arzt (bei KI‑Diagnose) | fast 33 % |
Konsequenzen für Versorgung und Kommunikation
Die Ergebnisse haben mehrere Bedeutungen für das Gesundheitswesen: Erstens können KI‑gestützte Fehleinschätzungen bei ernsten Symptomen zu später Diagnosestellung und schlechteren Behandlungsergebnissen führen, wenn Patientinnen und Patienten den Arztbesuch unterlassen. Zweitens verändert die breite Nutzung die Arzt‑Patienten‑Kommunikation: Ärztinnen und Ärzte müssen künftig häufiger medizinische Einschätzungen, die Patienten bereits online erhalten haben, einordnen und widersprüchliche Informationen korrigieren oder relativieren.
Schliesslich berühren die Befunde Fragen der Regulierung, Qualitätssicherung und Haftung: Wer ist verantwortlich, wenn eine KI‑Empfehlung zu einem schädlichen Verhalten führt? Wie lassen sich vertrauenswürdige, evidenzbasierte KI‑Werkzeuge fördern? Die Studie zeigt, dass Politik und Fachgesellschaften gefordert sind, Leitlinien und Qualitätsstandards zu entwickeln.
Für Patientinnen und Patienten bleibt zentral: Digitale Tools können nützliche erste Orientierung bieten, ersetzen aber nicht die ärztliche Abklärung bei unklaren oder schwerwiegenden Symptomen. Die Balance zwischen niederschwelliger Information und sicherer medizinischer Versorgung ist eine aktuelle Herausforderung, die jetzt angegangen werden muss.