Weniger Präsenz, weniger Aggressionen — erste Bilanz nach drei Monaten
Der Konsumraum in Chur ist seit etwas mehr als drei Monaten in Betrieb. Laut Aussagen von Stadtrat Patrik Degiacomi verlagert sich der Drogenkonsum vermehrt in diese Einrichtung: Statt wie zuvor häufig im Stadtpark oder an anderen öffentlichen Orten werden nun zwischen 100 und 160 Konsumationen täglich im Konsumraum registriert. Der Raum ist tagsüber von 11 bis 19 Uhr geöffnet.
Die veränderte Situation zeigt sich demnach nicht primär in einer Abnahme der sichtbaren Szene, sondern in einem anderen Verhalten: Nutzerinnen und Nutzer bewegten sich «zwischen dem Konsumraum und dem öffentlichen Raum hin und her», wie Degiacomi sagt. Polizei und Anwohnende der Altstadt hätten jedoch Rückmeldungen geliefert, dass die Szene ruhiger geworden sei und es weniger Aggressivität gebe.
Erweiterung der Öffnungszeiten und nächtliche Probleme
Auf die Frage nach einem 24-Stunden-Betrieb verweist Stadtrat Degiacomi auf die Praxis anderer Städte: Ein durchgehender Betrieb existiere dort ebenfalls nicht, und ein solcher Betrieb würde das Quartier stark belasten. Er hält eine Ausweitung der heutigen Öffnungszeiten derzeit nicht für dringend notwendig. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es morgens weiterhin Probleme mit Betteln gebe und sich die Situation während der Nacht nicht wesentlich verändert habe.
Forderungen: Drug Checking und Abgabe an Schwerstsüchtige
Vor dem Hintergrund der aktuellen Erfahrungen spricht sich Degiacomi für zusätzliche Massnahmen in der Suchtpolitik aus. Er fordert Drug Checking — also die Analyse von Stoffen auf Verunreinigungen — als Instrument zur Schadensminderung. Zudem nennt er die umstrittene Idee einer kontrollierten Abgabe von Kokain an Schwerstsüchtige als möglichen Weg zur Eindämmung der Beschaffungskriminalität. Diese Vorschläge zielen darauf ab, den Gesundheits- und Sicherheitsaspekt des Drogenkonsums stärker zu adressieren.
„Wir erhalten Rückmeldungen der Polizei sowie von Anwohnenden der Altstadt, dass die Szene ruhiger geworden ist und es weniger Aggressivität gibt.“
Fehlende Angebote im Bereich Wohnen
Degiacomi betont, dass beim Thema Wohnen weiterhin Handlungsbedarf bestehe. In Chur existiere das Angebot «Housing First», das suchtkranken Menschen eine Wohnung in einem betreuten Rahmen ermögliche, sodass dort auch konsumiert werden dürfe. Dieses Angebot reiche jedoch nicht für alle Betroffenen: Es fehle an Plätzen, es gebe lange Wartelisten, und für eine Gruppe von Suchtkranken funktioniere ein reines Housing-First-Setting nicht.
- Der Konsumraum verlagert Drogenkonsum sichtbar vom öffentlichen Raum in eine Überwachungseinrichtung.
- Tagesspitzen: 100–160 Konsumationen täglich im Konsumraum.
- Öffnungszeiten aktuell: 11–19 Uhr; nächtliche Probleme bleiben bestehen.
Konsequenzen für Stadt und Bevölkerung
Die bisherigen Beobachtungen haben direkte Auswirkungen auf das Zusammenleben in Chur: Weniger Aggressionen im Altstadtbereich können die Lebensqualität für Anwohnende erhöhen und den Druck auf Polizei und Rettungsdienste in der Innenstadt reduzieren. Gleichzeitig zeigen die Hinweise auf nächtliche Problemlagen und Lücken im Wohnangebot, dass die Einrichtung allein die komplexen Herausforderungen der Suchtproblematik nicht löst.
Die vorgeschlagenen Ergänzungen — Drug Checking und eine mögliche kontrollierte Abgabe an Schwerstsüchtige — würden die Debatte um Suchtpolitik im Kanton neu beleben. Beide Ansätze sind politisch und rechtlich heikel und dürften in der weiteren Diskussion eine Abwägung zwischen Gesundheitsprävention, öffentlicher Sicherheit und ethischen Fragen erfordern.
| Aspekt | Aktueller Stand |
|---|---|
| Tägliche Konsumationen | 100–160 |
| Öffnungszeiten | 11–19 Uhr |
| Hauptherausforderung | Lücken bei Wohnangeboten (Housing First: zu wenig Plätze) |
Bleibt zu beobachten, wie die kantonalen und städtischen Behörden auf die Vorschläge reagieren und ob weitere Massnahmen – etwa eine Ausweitung betreuter Wohnangebote oder Pilotprojekte für Drug Checking – umgesetzt werden. Für die Bevölkerung in Chur ist wichtig zu wissen, dass der Konsumraum bereits die Dynamik im öffentlichen Raum verändert hat, gleichzeitig aber ergänzende Angebote nötig bleiben, um nächtliche Probleme und Wohnungsbedürfnisse nachhaltig zu adressieren.