Neues Kapitel im Kongressgeschäft: Kooperation statt Kannibalismus
Die Eröffnung der neuen Festhalle bei der Bernexpo stellt Bern vor eine strategische Herausforderung: Statt in erster Linie Konkurrenz zu sehen, betont der Leiter des Kursaal Bern die Chance, die sich aus der erweiterten Infrastruktur ergibt. Entscheidend sei, dass Stadt und Veranstalter künftig gemeinsam agierten, statt sich auf den bisherigen Kundenstamm zu verlassen und damit einander Marktanteile streitig zu machen.
Der Kursaal-Chef macht deutlich, dass Berns Erfolg als Kongressstandort nicht allein von zusätzlichen Hallen abhängt, sondern von einer stärkeren, gezielten Vermarktung der vorhandenen Qualitäten. Im Fokus steht die Frage, wie die Stadt ihren Auftritt gegenüber internationalen und nationalen Veranstaltern schärfen kann, damit beide Häuser – Festhalle und Kursaal – sich ergänzen.
Was Bern wirklich bieten kann
Als zentrales Argument führt er die Kompaktheit der Stadt an: Die Verbindung von Messe-, Kongress- und Kulturangeboten in kurzer Distanz erleichtert die Organisation von Veranstaltungen erheblich. Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung der 9er-Tram-Linie, die mehrere Standortvorteile miteinander verbindet. Konkret nennt er vier Alleinstellungsmerkmale, die entlang dieser Linie erreichbar sind:
- Bernexpo
- Kursaal Bern
- Die UNESCO-Altstadt
- Der Gurten
Für Veranstalter hat dies einen praktischen Vorteil: Tausende Gäste können ein Stadterlebnis ohne aufwändige Transfers erhalten. Diese Aussage unterstreicht, dass Bern weniger mit reinen Kapazitätszahlen, sondern mit Erlebnis- und Standortqualität punkten kann.
Positionierungsfrage: Was ist der Kursaal?
Der Kursaal ist laut Verantwortlichem historisch ein «organisch gewachsener Gemischtwarenladen»: Aus einer Sommerwirtschaft entwickelten sich über Jahrzehnte ein Casino, ein Kulturhaus, ein Kongresszentrum, ein Hotel und verschiedene Gastronomiebetriebe. Diese Vielfalt sieht er als Stärke, zugleich erschwere sie eine klare Positionierung gegenüber Zielgruppen und Veranstaltern.
Als Antwort auf diese Herausforderung schlägt er einen neuen Arbeitstitel für das Haus vor: "Boutique-Kongresszentrum". Damit wolle man nicht auf Grösse abstellen, sondern auf eine spezifische Art des Gastgebens – persönlich, qualitativ und flexibel.
"Boutique steht nicht für klein, sondern für die Art, wie wir Gastgeber sind."
Folgen für Stadt, Veranstalter und Publikum
Die vorgeschlagene Neupositionierung hat mehrere unmittelbare Auswirkungen für den Kanton Bern:
- Stärkere Zusammenarbeit zwischen Veranstaltungsorten und der Destination (z. B. Bern Welcome), um neue Veranstaltungen nach Bern zu bringen.
- Weniger interner Wettbewerb um denselben Kundenstamm, mehr Fokus auf komplementäre Angebote und gemeinsame Vermarktung.
- Potenzial für höhere Auslastung von Hotels und Gastronomie, wenn Veranstaltungen so positioniert werden, dass sie das Stadterlebnis integrieren.
Gleichzeitig ist klar, dass zusätzliche Kapazitäten allein nicht automatisch zu mehr Veranstaltungen führen: Ohne aktive Akquise und ein schlüssiges, für Veranstalter attraktives Angebot droht reiner Kannibalismus – also die Verlagerung von Gästen zwischen Häusern ohne zusätzlichen Mehrwert für Bern insgesamt.
Konkrete Herausforderungen
Die Aussagen des Kursaal-Managements zeigen, welche Arbeit ansteht: Bern muss seine Stärken sichtbarer kommunizieren und paketiere Angebote für Veranstalter entwickeln, die über reine Infrastruktur hinausgehen. Dazu gehören offenbar:
| Handlungsfeld | Erwarteter Effekt |
|---|---|
| Gemeinsame Akquise mit Bern Welcome | Mehr und grössere Veranstaltungen |
| Klare Markenpositionierung des Kursaals | Besseres Profil gegenüber Veranstaltern |
| Integration städtischer Erlebnisse (Altstadt, Gurten) | Höherer Erlebniswert für Teilnehmende |
Für Bevölkerung und lokale Wirtschaft bedeutet dies potenziell mehr Gäste und Umsätze – vorausgesetzt, die beteiligten Akteure koordinieren ihre Angebote und treten gegenüber potenziellen Veranstaltern selbstbewusst auf. Die eigentliche Prüfung des Erfolgs wird aber an der Frage liegen, ob Bern künftig neue Veranstalter gewinnt oder sich lediglich Organisationsvolumen innerhalb der bestehenden Kundschaft verschiebt.
Der Kursaal-CEO sieht in der Festhalle nicht primär einen Gegenspieler, sondern einen Anlass zur Neuorientierung: Bern müsse seine Geschichte und seine Standortvorteile aktiver erzählen, um als Event- und Kongressdestination sichtbarer zu werden.