Kontamination durch «Ewigkeitschemikalien» sorgt für politischen Streit
Die Entdeckung von PFAS-Rückständen in landwirtschaftlichen Böden, erstmals 2021 in Eggersriet nachgewiesen, hat inzwischen weite Kreise gezogen und betrifft auch Betriebe im Kanton Appenzell Ausserrhoden. PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) gelten als langlebige Schadstoffe; die Kontamination wirft Fragen zur Ursache, zu historischer Beratungs‑ und Entsorgungspraxis sowie zu Verantwortung und Entschädigung auf.
Im St. Galler Kantonsrat forderte SVP-Politiker Ruedi Thomann, Präsident des kantonalen Bauernverbands, Mitte Juni klarere Worte: Die betroffenen Bauernfamilien seien «Opfer, nicht Täter». Er verlangte, die Regierung solle sich bei den Landwirten für eine falsche Beratung entschuldigen, weil laut Bauernverband kantonale Berater jahrelang die Nutzung von Klärschlamm als Dünger empfohlen hätten.
«Jahrelang wurde ihnen von kantonalen Betriebsberatern geraten, Klärschlamm als idealen Dünger einzusetzen.»
Die Regierung stellte sich in einem Statement, vertreten durch Gesundheitsdirektor Bruno Damann (Die Mitte), weiter zurückhaltend auf: Die Rolle der beteiligten Akteure sei «sehr vielschichtig», und die Darstellung, die Landwirtschaftsbetriebe seien allein Opfer und die kantonale Düngerberatung allein Täter, «greift zu kurz».
Historische Praxis und gesetzlicher Rahmen
Wichtig für das Verständnis sind folgende historisch belegte Fakten:
- Das Düngen mit Klärschlamm ist seit 2006 verboten.
- Vor diesem Verbot wurde Klärschlamm in den 1970er- bis in die 1990er-Jahre auf Feldern ausgebracht.
- PFAS war in dieser Zeit noch kein relevantes öffentliches Thema.
Viele der heute betroffenen Landwirte haben nach eigenen Angaben nie selbst Klärschlamm ausgebracht; sie «erben» das Problem in Form belasteter Böden. Die Diskussion dreht sich deshalb auch um historische Praxis, Weitergabe belasteter Flächen und die Frage, welche Informationen beziehungsweise Empfehlungen damals verfügbar und verlässlich waren.
Offene Fragen und Erkenntnislage
Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA wies darauf hin, dass der Bauernverband seine Argumentation unter anderem auf Gespräche mit Zeitzeugen stützt. Gleichzeitig gibt es nach Angaben des Verbands «keine Belege für einen eigentlichen Zwang», Landwirte seien also nicht nachweislich gezwungen worden, Klärschlamm zu verwenden.
Aus heutiger Sicht bleiben mehrere Punkte ungeklärt und sind für betroffene Betriebe in AR sowie für die Behörden relevant:
- Welche konkreten Empfehlungen und Informationen wurden früher von kantonalen Fachstellen und Beratern ausgegeben?
- In welchem Umfang und mit welchen Stoffgehalten wurde Klärschlamm tatsächlich verteilt?
- Welche Schritte zur Untersuchung, Sanierung und Entschädigung sind geplant oder bereits eingeleitet?
Konsequenzen für lokale Landwirtschaft und Behörden
Für Landwirtinnen und Landwirte im Kanton Appenzell Ausserrhoden haben PFAS-Belastungen direkte Folgen: Unsicherheit über Bodenqualität, mögliche Einschränkungen in der Nutzung von Flächen, wirtschaftliche Belastung durch Untersuchungskosten und potenzielle Marktprobleme beim Verkauf von Erzeugnissen. Politisch bedeutet der Fall zusätzlichen Druck auf kantonale Behörden, transparent über historische Beratungen und Entscheidungsgrundlagen zu informieren und verbindliche Schritte zur Klärung der Verantwortung zu beschreiben.
Die Debatte zeigt auch: Wenn historische Praktiken, die heute als problematisch gelten, von Fachstellen unterstützt wurden, entsteht ein Anspruch auf Nachvollziehbarkeit. Für die Bevölkerung der Region ist wichtig, wie Behörden künftig mit Kontaminationen umgehen — sowohl bei der Ursachenklärung als auch bei möglichen Sanierungs- und Unterstützungsmechanismen.
| Wichtige Daten | Fakt |
|---|---|
| 1970er–1990er | Klärschlamm wurde auf Feldern ausgebracht |
| 2006 | Verbot der Klärschlammausbringung |
| 2021 | Erstnachweis von PFAS in Eggersriet |
Ob und wie betroffene Bauernbetriebe in AR und angrenzenden Kantonen entschädigt oder unterstützt werden, bleibt offen. Damit wächst die Erwartung an die kantonale Verwaltung, historische Dokumentationen vorzulegen und die Rolle der beratenden Stellen transparent zu machen.
Für die Bevölkerung ist zudem relevant, welche Gesundheits- und Umweltprüfungen jetzt folgen und ob Kontaminationen auf weitere Flächen ausgedehnt sind. Konkrete Massnahmen, Zuständigkeiten und mögliche Hilfen müssen nun von den verantwortlichen Behörden klar kommuniziert werden.