Vergabe wegen zu grosser Komplexität gestoppt
Die Stadt Zürich hat das laufende Vergabeverfahren für eine CO2-Abscheidungsanlage im Werdhölzli abgebrochen. Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) hatte im Oktober 2025 eine öffentliche Ausschreibung gestartet; nun sei der Auftrag nicht vergeben worden, teilte die Stadt am Mittwoch mit. Als Grund nannte der Stadtrat die hohe Komplexität des Vorhabens und einen «grossen Klärungsbedarf zu technischen Spezifikationen».
«Aufgrund der Komplexität des Vorhabens und des grossen Klärungsbedarfs zu technischen Spezifikationen konnte der Auftrag nicht vergeben werden»
Wie es weitergehen soll, ist aktuell offen. Die Stadt schreibt, die Folgen für den Zeitplan liessen sich derzeit nicht abschätzen. Konkrete Hinweise zu einem neuen Ausschreibungsverfahren oder Anpassungen am Projektumfang wurden bislang nicht kommuniziert.
Ursprung und Ziel des Projekts
Die Absicht der Stadt war, in der Klärschlammverwertungsanlage sowie in der Biogasaufbereitungsanlage am Standort Werdhölzli CO2 aus Rauchgasen abzuscheiden. Beim Projekt wurde von einer Jahreskapazität von rund 25'000 Tonnen CO2 ausgegangen, wobei bis zu 90 Prozent der Emissionen eingefangen werden könnten. Das Vorhaben zählte zu den bislang ambitioniertesten Klimamassnahmen der Stadt.
Finanzielle und politische Vorgeschichte
Bei der Präsentation des Projekts war die Stadt optimistisch: Im Januar 2024 hiess es, das Vorhaben schreibe «Zürcher Klimageschichte». Das Parlament unterstützte das Projekt mehrheitlich; im Gemeinderat sprach sich eine grosse Mehrheit dafür aus. Am 22. September 2024 genehmigte die Stimmbevölkerung das Vorhaben mit über 75 Prozent Zustimmung.
| Geplante Kenngrösse | Angabe |
|---|---|
| Jährliche CO2-Bindung | ca. 25'000 Tonnen |
| Einfangrate | bis 90 % |
| Einmalige Kosten (geplant) | rund 35 Millionen Franken |
| Wiederkehrende Kosten ab 2028 (geplant) | 14 Millionen Franken |
Wirtschaftliche und politische Fragen offen
Der Abbruch lässt verschiedene Fragen offen: Wann und in welcher Form wird das Vergabeverfahren neu aufgelegt? Welche Anpassungen an Anforderungen, Kosten oder Zeitplan sind nötig, damit ein Totalunternehmen die komplexe Aufgabe übernehmen kann? Die Stadt hält sich zu diesen Punkten bedeckt.
Politisch ist das Projekt nicht unumstritten gewesen: Neben unterstützenden Stimmen gab es Kritik, unter anderem wegen logistischer Folgen, weil ein Teil des abgeschiedenen CO2 in einer Speicherstätte in der dänischen Nordsee gebunden werden sollte. Sowohl die SVP als auch einzelne Vertreterinnen und Vertreter der Grünen hatten Bedenken geäussert. Trotz dieser Debatten fand das Vorhaben im Gemeinderat breite Zustimmung.
Praktische Auswirkungen für die Stadtbevölkerung
Für die Bevölkerung hat der Abbruch vorerst folgende Konsequenzen:
- Die Umsetzung der CO2-Abscheidung im Werdhölzli verzögert sich; mit einem Start der Abscheidung ab 2028 war ursprünglich gerechnet worden.
- Finanzielle Erwartungen und Planungen der Stadt müssen überprüft werden, da sich Investitions- und Betriebskosten verschieben können.
- Offene Fragen zu Transport und Endlagerung des abgeschiedenen CO2 bleiben unbeantwortet, solange das Verfahren nicht neu aufgelegt ist.
Die Stadt Zürich und ERZ stehen nun in der Pflicht, weitere Informationen zu liefern: zu den Ursachen des Abbruchs, zu möglichen Anpassungen des Beschaffungsprozesses und zu einem neuen Zeitplan. Für Anwohnerinnen und Anwohner sowie für interessierte Kreise bleibt abzuwarten, ob und wann das Projekt wieder aufgenommen wird.