Arbeitsmarkt und Verteilung: Was die Zahlen sagen
Die Lohnungleichheit in der Schweiz hat in den vergangenen zehn Jahren wieder deutlich zugenommen. Laut einer Analyse des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) sind die Einkommen der Topverdienenden gestiegen, während die Löhne tiefer bezahlter Erwerbstätiger zurückgingen. Als zentralen Befund nennt die Studie, dass die mittleren Löhne trotz steigender Produktivität weitgehend stagnierten.
Ursachen und Mechanismen
Dem SGB zufolge sind die Gewinne aus Produktivitätssteigerungen im Zeitraum 2016 bis 2025 hauptsächlich an Arbeitgeber und Aktionäre geflossen. Für viele Beschäftigte reichte dies nicht einmal, um die gestiegene Teuerung auszugleichen. Zudem nennt die Analyse zwei zusätzliche Belastungsfaktoren für weniger und mittelverdienende Haushalte: kantonale Steuersenkungen auf der einen Seite und stark gestiegene Krankenkassenprämien auf der anderen.
- Produktivitätszuwachs, aber stagnierende Medianlöhne
- Gewinne begünstigen Arbeitgeber und Aktionäre
- Belastung vor allem für untere und mittlere Einkommensschichten durch Prämienanstieg und Steuersenkungen
Geschlechterdifferenz bleibt gross
Die Studie weist auf anhaltende Unterschiede zwischen den Geschlechtern hin. Der Medianlohn liegt bei Frauen bei 5000 Franken pro Monat, bei Männern bei 7000 Franken. Damit verdient die Hälfte der weiblichen Erwerbstätigen weniger als 5000 Franken, während die Hälfte der Männer 7000 Franken oder mehr erzielt.
| Gruppe | Median Monatslohn (Fr.) |
|---|---|
| Frauen | 5000 |
| Männer | 7000 |
Folgen für Bevölkerung und Unternehmen
Für Haushalte mit tieferen und mittleren Einkommen bedeutet die Entwicklung weniger Spielraum im Budget: Kaufkraftverluste durch fehlenden Teuerungsausgleich und höhere Krankenkassenprämien können Konsum und Sparfähigkeit schwächen. Das wirkt sich auch auf die Binnenwirtschaft aus. Unternehmen sehen sich in einem zweischneidigen Umfeld: steigende Produktivität und Erträge auf der einen, aber eine mögliche Abschwächung der Nachfrage bei breiten Bevölkerungsschichten auf der anderen Seite.
Politisch dürfte der Befund den Druck auf Lohn-, Steuer- und Sozialpolitik erhöhen. Forderungen nach stärkerer Lohnentwicklung in unteren Segmenten, besseren Mechanismen zum Teuerungsausgleich oder gezielten Entlastungen für vulnerable Haushalte dürften lauter werden. Gleichzeitige Debatten um Unternehmensgewinne und deren Verteilung könnten intensiver geführt werden.
Die Analyse des SGB liefert damit nicht nur eine Bestandesaufnahme, sondern verschärft die Frage, wie die Erträge wirtschaftlichen Wachstums künftig verteilt werden sollen – und welche Rolle Staat, Sozialpartner und Unternehmen dabei spielen.