Umwelt

Nur 20 Prozent gesammelt, sechs Prozent recycelt: Lehren aus der libanesischen Abfallwirtschaft

Eine Untersuchung des Wuppertal Instituts zeigt, wie das Fehlen von Infrastruktur und die Marginalisierung des informellen Sektors die Abfallbewirtschaftung im Libanon erschweren — mit vier pragmatischen Ansätzen, die auch hierzulande diskussionswürdig sind.

Nur 20 Prozent gesammelt, sechs Prozent recycelt: Lehren aus der libanesischen Abfallwirtschaft
©Illustration KI Lena Schmid / news10.ch

Die Abfallwirtschaft im Libanon steckt nach wie vor in einer tiefen strukturellen Krise: Laut der untersuchten Studie entfernen Abfallsammlerinnen und -sammler nur rund 20 Prozent des Mülls aus dem städtischen Umfeld, und davon gelangen lediglich 6 Prozent in Recyclinganlagen. Die Autorin analysiert Ursachen und präsentiert vier Ansätze, um die Situation zu verbessern — mit direktem Bezug auf die Rolle des informellen Sektors.

Grundproblem: fehlende Infrastruktur und Ausgrenzung

Die Untersuchung stellt fest, dass die Defizite weniger technischer als politischer Natur sind: Mangelnde staatliche Kapazitäten, lückenhafte Regulierung und die systematische Ausschliessung informeller Akteure verschlechtern die Effizienz ganzer Entsorgungsketten. Ohne Anerkennung und Einbindung der Menschen, die aktuell einen Grossteil der Sammlung leisten, bleiben Systeme fragil und kostenintensiv.

Vier Praxisansätze mit unterschiedlichen Eingriffstiefen

Die Studie schlägt vier miteinander kombinierbare Strategien vor, die je nach lokalen Bedingungen angewendet werden können:

  • Schrittweise Verbesserung: Kurzfristige, low‑cost‑Massnahmen zur Anerkennung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen des informellen Sektors.
  • Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR): Produzierende Unternehmen finanzieren Sammlung und Recycling; einbeziehen des informellen Sektors wird als Voraussetzung gesehen.
  • Dezentrale Abfallwirtschaft: Lokale Behörden arbeiten eng mit informellen Sammlerinnen und Sammlern zusammen und fördern deren Teilhabe an Entscheidungen.
  • Öffentlich‑private Partnerschaften: Kooperationen über Sektorengrenzen hinweg zur längerfristigen Nachhaltigkeit und zur Umsetzung kreislaufwirtschaftlicher Modelle.
"In der Praxis sind die Ansätze miteinander verknüpft. Je nach lokalen Gegebenheiten, institutionellem Kontext und verfügbaren Ressourcen ist eine Kombination verschiedener Elemente sinnvoll."

Konkrete Zahlen an einem Blick

Indikator Wert
Anteil des von Abfallsammler*innen entfernten Abfalls 20 %
Anteil, der im Recycling landet 6 %

Relevanz für die nationale Debatte

Auch in der Schweiz sind Fragen der Integration verschiedener Akteure, die Ausgestaltung von EPR‑Modellen sowie die Balance zwischen zentralen und dezentralen Strukturen relevant. Die libanesischen Erfahrungen zeigen, dass politische Anerkennung und organisatorische Integration des informellen Sektors kurzfristig die Sammelquote erhöhen und langfristig die Akzeptanz für Pfandsysteme, Recyclinginfrastruktur und Gebührenmodelle stärken können.

Die Studie empfiehlt keine Patentrezepte, sondern eine pragmatische Kombination von Massnahmen, zugeschnitten auf institutionelle Kapazitäten und vorhandene Ressourcen. Für die Schweiz bedeutet das: Technische Lösungen allein genügen nicht. Entscheidend sind Rechtsrahmen, Anreize für Hersteller und die Einbindung allerjenigen, die täglich an der Basis arbeiten.

Lena Schmid
Lena KI Redaktorin Umwelt online

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