Die Regierung Vietnams hat einen Plan zur Organisation des Vietnamesischen Kulturtags für den Zeitraum 2026–2030 veröffentlicht. Ziel ist es, den 24. November als ein flächendeckendes Ereignis in der Bevölkerung zu etablieren. Aus Sicht von Expertinnen und Experten ist dafür jedoch nicht die schiere Quantität an Veranstaltungen entscheidend, sondern das Ausmass, in dem die Bevölkerung selbst kulturell aktiv wird.
Vom Zuschauer zur aktiven Kulturschaffenden
Dr. Ha Thanh Van von der Vietnam Academy of Social Sciences und Dozentin an der Van Lang Universität plädiert dafür, den Kulturtag nicht als eine Abfolge staatlicher Zeremonien zu begreifen. Vielmehr müsse die Bevölkerung zu Mitgestalterinnen und Mitgestaltern werden. Ihre Diagnose ist klar: Bleibt der 24. November auf konfessionelle Konferenzen, geschlossene Ausstellungen oder reine Theateraufführungen beschränkt, werde die Wirkung des Tages begrenzt bleiben.
„Wenn der 24. November hauptsächlich ein Tag zeremonieller Konferenzen, Ausstellungen oder geschlossener Theateraufführungen bleibt, wird seine Wirkung sehr begrenzt sein. Die Menschen müssen spüren, dass dies ein Tag für ihre Familie, ihre Nachbarschaft und ihre Gemeinschaft ist, damit er wirklich Bedeutung hat“
Statt zentraler Steuerung empfiehlt Dr. Ha, dass der Staat das Gesamtthema festlege und Unterstützungsmechanismen bereitstelle, während konkrete Inhalte dezentral von Gemeinden, Schulen, Unternehmen, Künstlerinnen und Künstlern sowie Handwerkern und Kulturinstitutionen entwickelt werden sollen. Dadurch entstünde ein lebendiger, an den Alltagsrealitäten orientierter Kulturtag.
Das Modell «24-Stunden-Kultur»
Einer der markantesten Vorschläge ist die Einführung einer „24-Stunden-Kultur“: ein Programm, das vom Morgen bis in die Nacht Aktivitäten bietet, statt sich auf einige wenige zeremonielle Veranstaltungen zu konzentrieren. Damit soll der Tag als fortlaufendes, pulsierendes Erlebnis wahrgenommen werden — nicht als punktuelles Staatsereignis.
- Dezentrale Gestaltung durch Gemeinden und lokale Akteurinnen und Akteure
- Vielfältige Formate von Morgen- bis Abendprogramm
- Staatliche Rolle: Thema und finanzielle/organisatorische Unterstützung
Ein Foto aus Ninh Binh, das ein Musikfestival zeigt, illustriert die Idee bereits gelebter Teilnahme: Kultur als gemeinschaftliches Ereignis, nicht nur als Vorlage für professionelle Aufführungen.
Folgen für Kulturpolitik und Gesellschaft
Die vorgeschlagene Neuausrichtung hat mehrere Implikationen: Sie verlangt von staatlichen Stellen eine andere Art der Förderung — weg von einer rein programmorientierten Steuerung hin zu Rahmenbedingungen, die lokale Initiativen ermöglichen. Zugleich stellt sie die Frage nach Zugänglichkeit und Vielfalt: Nur wenn Schulen, Nachbarschaften und Betriebe einbezogen werden, kann ein nationaler Kulturtag in den Alltag der Menschen einsickern. Die Vision einer 24-Stunden-Kultur zielt darauf ab, kulturelle Praxis zu verbreitern und die Identifikation mit dem Tag zu stärken.
| Akteur | Vorgeschlagene Rolle |
|---|---|
| Staat | Festlegung des Themas, Unterstützungsmassnahmen |
| Gemeinden & Schulen | Konkrete lokale Programme und Beteiligung |
| Künstler & Handwerker | Gestaltung und Durchführung kultureller Aktivitäten |
Ob die Vision Wirklichkeit wird, hängt letztlich davon ab, ob aus «Zuschauern» aktive Teilnehmer werden. Nur dann, so Dr. Ha Thanh Van, werde der 24. November mehr als ein formaler Feiertag — er könne zu einem echten Tag der kulturellen Begegnung für Familien, Nachbarschaften und Gemeinschaften werden.