Wenn Orte Geschichte in sich tragen, können sie zugleich zu Stichwortgebern für Gegenwartspolitik werden: Die Frankfurter Paulskirche, symbolträchtig für den Beginn parlamentarischer Demokratie in Deutschland, gibt nun den Namen für eine neue, vom Land Hessen finanzierte Gastprofessur. Ziel des Vorhabens ist es, Forschung zur Demokratie zu stärken und deren Wirkung auch ausserhalb universitärer Kreise spürbar zu machen.
Was die Professur leisten soll
Das Hessische Wissenschaftsministerium stellt im Rahmen des sogenannten „11+1 Programms“ pro Jahr bis zu 330.000 Euro für die Paulskirchen-Professur bereit. Geförderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten die Möglichkeit, für ein Jahr an einer hessischen Hochschule zu lehren und zu forschen. Wichtig ist dem Ministerium, dass die Professur nicht im Elfenbeinturm verbleibt, sondern in die Breite der Gesellschaft hineinwirkt, etwa durch öffentliche Veranstaltungen, Projektarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren oder Kooperationen mit der Sozialen Arbeit.
"In der Frankfurter Paulskirche wurde vor knapp 180 Jahren die Grundlage für unsere parlamentarische Demokratie gelegt", sagte Wissenschaftsminister Timon Gremmels.
Wer ausgewählt wurde
Nach einem unabhängigen Auswahlverfahren hat die Hochschule Rhein-Main den Zuschlag erhalten. Vorgeschlagen wurde die Person Volkan Çıdam, der nun für ein Jahr an der Hochschule lehren und forschen wird. Die Bewerbung war eine kollegiale Leistung, wie der Sozialwissenschaftler Tom Uhlig betont: Er hatte Çıdams Namen in die Auswahl gebracht und sieht die Entscheidung als Anerkennung für die Arbeit der Hochschule – insbesondere für die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Demokratisierung.
- Förderhöhe: bis zu 330.000 Euro pro Jahr
- Dauer der Gastprofessur: ein Jahr
- Träger der Bewerbung: Hochschule Rhein-Main
Kontext und mögliche Folgen
Die Initianten adressieren damit mehrere Herausforderungen: Forschung zur Demokratie soll gestärkt werden, die Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und autoritäre Tendenzen erhöht werden, und akademische Erkenntnisse sollen stärker in die Praxis getragen werden. Externe Sichtbarkeit und Transferarbeit sind ausdrücklich Teil des Konzepts. Damit unterscheidet sich die Paulskirchen-Professur von rein forschungsorientierten Lehrstühlen – sie ist als Brücke zur Gesellschaft gedacht.
Für die Hochschule Rhein-Main bedeutet der Zuschlag nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch eine institutionelle Aufwertung: Die Entscheidung wurde in Kontrast zu Bewerbungen aus etablierten Politikwissenschafts-Clustern wahrgenommen, wie Uhlig kommentierte. Für Studierende der Sozialen Arbeit könnte das Programm praktische Impulse und stärktes Bewusstsein für die politische Dimension sozialer Berufe bringen.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Finanzierung (jährlich) | bis zu 330.000 Euro |
| Dauer der Gastprofessur | 1 Jahr |
| Programm | Teil des "11+1 Programms" des Landes Hessen |
Wie nachhaltig die Initiative wirkt, wird davon abhängen, wie gut Forschung, Lehre und gesellschaftlicher Transfer verknüpft werden. Entscheidend bleibt, ob Projekte der Professur über das Jahr hinaus Netzwerke stärken und in Bildungs‑, Präventions‑ oder Vermittlungsangebote münden, die Bürgerinnen und Bürger erreichen.
Die Vergabe der Professur erfolgte durch ein vom Ministerium unabhängiges Gremium; vier hessische Hochschulen hatten sich mit Personalvorschlägen beworben. Die Wahl der Hochschule Rhein-Main und die Benennung von Volkan Çıdam markieren nun den Beginn einer einjährigen Phase, in der akademische Arbeit bewusst in die Mitte der Gesellschaft getragen werden soll.